Wie wir wurden, was wir waren.

Ein kabarettistischer Nachruf, gehalten am letzten Abend, am 17. Dezember 2017, im Kulturbahnhof

Grundlage:  „Die Gedanken sind frei“ am Klavier intoniert.

Ja, meine Damen und Herren, die Gedanken sind frei. 

Lassen Sie mich Ihnen trotzdem einige von denen nennen, die mir durch den Kopf gehen. Denn heute Abend ist dazu hier in Travemünde, hier im Kulturbahnhof, die letzte Gelegenheit.

Nach gut sieben Jahren geht eine kulturelle Ära zu Ende. Man kann auch sagen, ein wichtiger Teil der Kultur verabschiedet sich aus Travemünde. Ich befürchte aber, dass viele Travemünder das noch nicht bemerkt haben, denn dann hätten wir den Aufschrei bis hier in den Kulturbahnhof hören müssen.

Ich vermute, dass es bestimmten Leuten in Lübeck egal ist, ob in Travemünde die Kultur verloren geht, oder ob in China ein Sack Reis umkippt.

Ich bezweifle, dass unseren Vermietern, Immobilienhändlern aus Hamburg, daran gelegen ist, uns als Mieter zu behalten, unsere Spielstätte zu erhalten, auch wenn in der Öffentlichkeit anderes behauptet wird, denn dann hätten sie doch schon längst für ein neues Dach sorgen können, das uns seit anderthalb Jahren fehlt.

Dazu könnte und müsste ich Ihnen nun unsere Geschichte erzählen:
Man kann sie überschreiben mit: Wie wir wurden, was wir sind.
Nein, in Anbetracht der Lage muss es jetzt heißen: Wie wir wurden, was wir waren

Und diese Geschichte begann, wie gesagt, vor sieben Jahren in der Aula der Stadtschule Travemünde. Die sollte platt gemacht werden. Daraus sollte eine Bibliothek entstehen. Auch das ist Kunst. Ich meine, die Bibliothek. Nicht das Plattmachen.
Aber Sie können darin noch etwas anderes sehen: Die Stellung der Kunst und der Kultur in Lübeck, einer Stadt, die sich gern mit dem Prädikat „Weltkulturerbe“ schmücken würde.
Doch zurück zur Aula. Denn es erhebt sich nämlich eine Frage: Woher die Stadt das Geld für den Umbau gehabt hätte? Man sprach von gut einer Million!
Von Berlin sagt man, die Stadt sei arm aber sexy. - Lübeck ist nur arm.
Aber, die Stadt, die Verwaltung, sie war nicht alleine mit der Idee.
Nein, auch die Politiker waren dafür, die Aula zu schließen.
Also noch mehr Kulturbanausen!

Doch die Umgestaltung wurde ja verhindert.
Dafür habe ich mich damals stark gemacht.
Ich habe einige Leute um mich versammelt, von der Kirche, aus der betroffenen Schule und andere.
Wir haben einen Verein gegründet, haben Künstler engagiert, Veranstaltungen organisiert.
Aber ich habe die Rechnung ohne den Wirt gemacht,
eigentlich Wirtin, denn es war eine Frau, Frau Borns, Senatorin, Senatorin für Kultur war sie. Zumindest nannte sie sich so.
Und sie hat uns viel Ärger bereitet, uns Steine in den Weg gelegt.
Steine? - Das waren schon mehr Felsbrocken. Und einer davon hieß Scheinwerfer.
Die mussten auf Anordnung von Frau Borns wieder aus der Aula entfernt werden. In der Aula waren sie zu gefährlich, meinte sie. Wenn davon mal einer... Nicht auszudenken! Und das, obwohl unsere versierten Techniken sie dreifach gesichert hatten, die Scheinwerfer, nicht Frau Borns.
Aber wir konnten damit umgehen, wussten, was wir zu tun hatten. Wir veranstalteten einfach eine Taschenlampen-Party. Es kamen viele Besucher, wir waren ausverkauft.
Doch dann fiel den Kindern in der Schule im wahrsten Sinne des Wortes leider die Decke auf den Kopf.
Auch die Aula wurde gesperrt, obwohl gar nicht betroffen. Und unser Spielbetrieb musste eingestellt werden.
Wieder Steine, kann man so sagen, die nun vom Himmel zu fallen drohten.
Da fällt mir ein: Wenn wir all‘ die Steine, die man uns sicher wohlwollend in den Weg gelegt hat, gesammelt hätten, hätten wir damit längst bauen können. Wir hätten nur noch ein Grundstück gebraucht.

Doch jetzt ist sie zu Ende, die Ära der Kultur.
Aber bevor ich nun gehe, den Vorhang schließe, das Licht lösche, möchte ich noch von einigen Leuten berichten, die noch nie bei uns waren, die uns nicht kennengelernt haben, die aber trotzdem ein fundiertes Urteil über uns abgegeben haben, getreu dem Motto: „Sie wissen nichts, können aber alles erklären“.
Zum Beispiel der Kurdirektor von Travemünde.
Nein, er kennt die Bühne nicht. Wie sonst hätte er den Vorschlag machen können, die Passat als Spielort zu nehmen. Die Passat, Luke 3. Ergänzt hat er seinen Vorschlag noch mit einem Beispiel aus Hamburg, Musical “König der Löwen”. Die Besucher werden mit einem Boot zum Spielort gebracht. Warum dann in Travemünde nicht mit einer Fähre zur Passat? Allerdings vergaß er zu sagen, dass die Personenfähre nur im Sommer verkehrt und um 18.00 Uhr den Betrieb einstellt. Unsere Veranstaltungen beginnen aber erst um 19.30 Uhr.
Aber er hat noch anderes auf seinem Vorschlagszettel: Die Turnhallen hier in Travemünde. Die Turnhalle an der Stadtschule, die Turnhalle an der Schule am Meer. Die Künstler wären dort unter sich geblieben, denn Sie, meine Damen und Herren, Sie wären da mit Ihren Straßenschuhen nicht hineingekommen!
Nein, er kennt uns nicht.
Warum sollte er auch? Er ist doch der Kurdirektor und wir sind nur die Kulturbühne.
Wie sollte das zusammen passen?
Kur und Kultur, Feuer und Wasser, Licht und Schatten, Lübeck und Travemünde.

Aber auch der Geschäftsführer der LTM. Eine Gesellschaft, die sich das touristische Marketing  von ganz Lübeck auf die Fahnen geschrieben hat, also der Geschäftsführer dieser Organisation, ein gewisser Christian Martin Lukas,
nein, das sind nicht drei verschiedene Personen, nein, so heißt er tatsächlich, und er war nie bei uns, er hat wohl nie den Weg zu uns gefunden.
Ob er überhaupt gesucht hat?
Aber, als er von der Schließung hörte, machte er sogleich den Vorschlag, wir könnten doch das Kreuzfahrtterminal als Spielstätte nutzen.
Das sagt doch schon viel über die Qualifikation dieses Mannes.
Kreuzfahrtterminal – wenn ein Schiff kommt müssen wir gehen.

Der Ortsrates von Travemünde hat es geschafft, von unserer Existenz in all‘ den Jahren keine Notiz zu nehmen. Das war für wahr eine beachtliche Leistung.

Daneben gibt es Leute, die uns nicht in ihren Reihen haben wollten. Die TWG zum Beispiel, das ist die Travemünder Wirtschaftsgemeinschaft.
Und hier besonders zu nennen, Freiherr von Hampelmann.
Oh, Entschuldigung, das ist ein Versprecher. Natürlich heißt so kein vernünftiger Mensch. Aber diesen Versprecher habe ich in all‘ meinen Manuskripten.
Und dieser Herr wähnt sich als Kopf dieser Vereinigung, dabei ist er nur der Vorsitzende
und er ist Rechtsanwalt und juristischer Beistand unserer Vermieter, Immobilienhändler aus Hamburg.
Das muss man sich auf der Zunge: Ein Travemünder Rechtsanwalt vertritt Immobilienhändler aus Hamburg, zum Schaden einer kulturell tätigen Einrichtung in Travemünde!
Übrigens, diese Immobilienhändler aus Hamburg durften Mitglieder in der eben erwähnten TWG werden.
Wir wurden nicht aufgenommen, da unsere Vermieter, die Immobilienhändler aus Hamburg, bereits schon Mitglieder waren.
Im Übrigen soll er, dieser Rechtsanwalt, agil wie er ist, sehr flexibel sein, und es wird gesagt, er behaupte in dem Zusammenhang von sich, er sei nach allen Seiten hin offen.
Wenn dem so ist, dann bedeutet das aber doch, dass er nicht ganz dicht sein kann.

Aber das ist längst nicht alles, was wir erlebt haben. Besser, erleben durften. Denn das, was wir erleben durften, war einmalig:
Irgendwann nahm uns irgendwer die Dachpfannen vom Gebäude. Von daher hätte es allen klar sein müssen, dass dann irgendwann das Wasser von oben kommen würde.
Und das kam dann ja auch: Es war hier auf der Bühne, im Zuschauerraum, im Foyer, im WC.
Also, dass hätte allen klar sein müssen. Auch unseren Vermietern, den Immobilienhändler aus Hamburg.
Die waren zu der Zeit Besitzer, aber keine Eigentümer, ein gewaltiger Unterschied, wie auch das Gericht festzustellen hatte.
Denn als Besitzer waren sie für ein dichtes Dach nicht zuständig. Und nun als Eigentümer ... gaben sie uns die Kündigung.
Und eigentlich dürfte ich Ihnen das alles gar nicht erzählen, da unsere Vermieter, die Immobilienhändler aus Hamburg, es uns untersagt haben, ohne ihre Zustimmung nichts mehr öffentlich zu sagen. Das nennt man einen Maulkorb.
Auch die bisher aufgetretenen Schäden dürften wir nicht weiter verfolgen und neue, die auftreten könnten, nicht mehr geltend machen.
Nein, unsere Vermieter, die Immobilienhändler aus Hamburgn, sie glaubten uns nicht, das mit dem Wasser. Und das, obwohl es sehr stark von der Decke tropfte, als sie uns dann mal einen Besuch abstatteten.
Es tropfte nicht, nein, es regnete von der Decke.
Die Zuschauer, die dann abends kamen, um einer Musikaufführung zu lauschen, saßen mit aufgespannten Regenschirmen im Zuschauerraum,   um sich herum eine Vielzahl von Eimern und Schüsseln. Es waren so an die 50 Gefäße.
Wir versuchten das Wasser aufzufangen, vielleicht hätte man es ja noch gebrauchen können! Für die Toilettenspülung etwa! Denn das Wasser gab es ja umsonst. Dafür verlangte niemand etwas.
Und unsere Besucher lauschten nicht nur der Musik, nein, auch dem Wasserfall, sie waren so zu sagen in einer Wassermusik-Aufführung.
Sie genossen trotzdem den Abend und waren in einer ausgelassenen Stimmung. Wir haben noch nie so viel Bier verkauft, wie an diesem Abend.
Dann Spielabbruch. Es wurde zu gefährlich. Die Musiker hätten sonst unter Strom gestanden, der wäre aus der Steckdose gekommen.

Das könnte ich nun mit weiteren Begebenheiten, die mir so einfallen, zu einem abendfüllendes Programm ausbauen.
Darum nun die Frage nach den Politikern.
Wie haben die es aufgenommen,  dass es die Kulturbühne nicht mehr geben wird?
Sie alle, gleich welcher Couleur, ob rot oder schwarz, blau, gelb oder grün, sie alle haben ihr größtes Bedauern ausgedrückt. Ausnahmslos. Mehr war aber auch nicht zu erwarten.

Ich äußerte den Wunsch ein Spiegelzelt in Travemünde aufzustellen.
Spiegelzelt? - fragten dann auch einige. Spiegelzelt?! Wiederholten sie.  Kennen wir nicht! Brauchen wir nicht! Spiegelzelt? Kommt nicht in Frage. Dafür gibt es keine Zustimmung. Und auch keine Fläche.
Ich führte ein Bespiel an, von dem ich dachte, es sei bekannt: Spiegelzelt in Berlin, dort hieß eine solche Veranstaltungsstätte „Bar jeder Vernunft“.
Doch auch das brachte nicht den erhofften Durchbruch. Man erkannte wohl nicht die Bedeutung des Begriffes.Sie dachten an Whisky oder Cognac, an Bier oder Wein.
Dabei hätte diese Doppeldeutigkeit nun auch auf sie, die Politiker, gepasst: Bar jeder Vernunft.

Ich stellte auch Herrn Schindler die Frage nach einem Spiegelzelt.
Schindler, Senator für Wirtschaft und Flächen.
Spiegelzelt? Fragte auch er. Dann erwähnte er den Grünstrand, meinte, wir sollten diese Fläche als Fläche für unser Spiegelzelt in Betracht ziehen. Eine Fläche, auf der Familien im Sommer grillen, eine Fläche, die schon mal bebaut werden sollte, was Anwohner und andere verhindert haben. Einige von ihnen kamen aus Hamburg.
Grünstrand. - Als ich den Faden dennoch aufgriff, ließ er, der Senator aus Lübeck, das Knäul wie eine heiße Kartoffel fallen.

Die jetzige Senatorin für Kultur griff zum Telefon.Rief mich an. Nette Stimme.  Einschmeichelnd.
Sie drückte Ihr Bedauern aus!
Dies am frühen Morgen, auf nüchternen Magen.
Dabei hätte sie als zuständige Senatorin sehr wohl für eine Lösung sorgen können.
Aber sie wollte Bürgermeisterin werden...Die Lübecker haben ihr Kreuz...Sei‘s drum, ich belasse es dabei.

Aber beim Stichwort Bürgermeister fällt mir unser jetziger ein. Er sitzt ja noch bis zum Frühjahr 2018 in seinem Sessel.
Wie steht er zur Kulturbühne?
Nun, ich sagte ja schon, dass er im Frühjahr 2018 aus dem Amt scheiden wird. Und ich meine, über Scheidende soll man nichts Schlechtes sagen. Da es Gutes nicht zu vermelden gibt, ist auch dieser Punkt abgehakt.

Doch nun zum letzten Thema: Was wird jetzt hieraus, aus dem, was wir geschaffen haben, aus dem Theater, aus diesem Gebäude?
Gehässige meinen, eine besondere Art des Fremdenverkehrs.
Doch wenn Sie, meine Damen und Herren, jetzt denken, die letzte Silbe noch im Ohr, das sei etwas Unanständiges, etwas Anrüchiges, etwas Verwerfliches, dann kann ich nur sagen, Sie, meine Damen und Herren, Sie haben aber eine schmutzige Fantasie.
Nein, nein. Der Architekt spricht von Unterkünften für Bedienstete aus dem Gastgewerbe – Einzelzimmer.
Und wenn die Person, der das Zimmer gehört, jemanden einlädt, um sich zusammen – sagen wir mal –  die Schmetterlingssammlung anzusehen. Und der tut es dann auch und legt anschließend voller Begeisterung und total befriedigt einen schönen Schein auf den Tisch, so ist das doch nicht anzüglich und auch nicht verwerflich. Strafbar schon gar nicht. Nein, nein, belangen kann man diese Person nicht. Wegen des Scheins.
Man muss eben den Schein wahren.

Also, machen wir den Weg frei.

                 Der Protagonist zieht sich den Mantel an.

Auf das Travemünde statt Kultur das bekommen kann, was es bisher wohl nicht hatte.

                Der Protagonist legt sich den Regenschirm über den Arm

Guten Abend, meine Damen und Herren. Es war schön mit Ihnen. Ich wünsche Ihnen noch eine gute Zeit.

               Er setzt seinen Hut auf.

Machen Sie es gut.

             Er geht - wortlos!

 

Am letzten Abend im Kulturbahnhof hielt der “Chef” der Bühne eine beachtenswerte Rede. Da nicht alle die Gelegenheit hatten, an der Veranstaltung teilzunehmen, drucken wir diese Rede noch einmal hier ab:

... und hier noch ein Link zu einem hervorragend geschriebenen Artikel: https://www.hl-live.de/aktuell/textstart.php?id=119099

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